Der Roman

Handlung

Der Attosekundenforscher Achill nimmt sich eine Auszeit und wird Hilfskellner im Südbahnhotel am Semmering. Mit dem dreibeinigen Hund Uhudler und dessen Herrin Madeleine schließt er einen Pakt zur Entschleunigung der Zeit. Sie wollen in den zehn Tagen bis Weihnachten ebensoviel erleben wie in den vergangenen einhundert Tagen, seit sie einander kennen.

Als Madeleine Achill danach verlässt, begibt dieser sich auf einen spiralförmigen Irrlauf durch Wien. Auf der Suche nach seiner Liebe, mit Stationen in Kaffeehäusern, Kirchen und einem Zen-Dachgarten, nähert sich Achill dem paradoxen Wesen der Zeit.

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Exposé

Titel: Aus Zeit
Autor: Ulrich Jochinger
Genre: Literarischer Roman
Zeit: 10.10.1989, 10:01:16 bis 25.12.2024, 12:00:00 (1,111,111,111 Sekunden)
Ort: Bielefeld, Semmering, Perchtoldskirchen, Wien
Perspektive: Ich-Erzähler, Achill
Umfang: 343 Seiten
Verlag: Milchweg Verlag
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
ISBN: 987-3-903687-00-4 (Gebundene Ausgabe)

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Kapitel - Leseprobe

10. Zeitlebens

31 Jahre, 35 Wochen, 6 Tage, 1 Stunde, 46 Minuten, 27 Sekunden

Der Held Achill unterbricht seine Attosekunden-Forschung und damit seine wissenschaftliche Karriere in Bielefeld und nimmt eine Auszeit. Er blickt auf sein bisheriges Leben zurück und stellt fest, dass die knapp 32 Jahre seit seiner Zeugung zu schnell an ihm vorbeigezogen sind.

Papa hatte beiläufig gesagt, „die Uhr schlägt“, und seitdem traute sich meine kleinliche große Schwester nachts nicht mehr an ihr vorbei. Er ließ das Schlagwerk auslaufen und behauptete, die Uhr schlüge nun sicher nicht mehr. Doch dann störte sich Cassie am Ticken. Die Uhr ganz anzuhalten, kam nicht in Frage. Nichts wäre gruseliger gewesen, als eine um fünf vor zwölf stehengebliebene Großvateruhr, die wer weiß wessen Todesstunde oder gar den Weltuntergang weissagte. Cassie hätte angenommen, dass sich im Uhrenkasten Spinnen, Schaben oder anderes Geziefer einnisteten oder dass ein verängstigtes Zicklein darin unbe­merkt verenden könnte…

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9. Auszeit im Südbahnhotel

3 Jahre, 8 Wochen, 5 Tage, 9 Stunden, 46 Minuten, 40 Se-kunden

Als Hilfskellner im heilklimatischen Höhenluftkurort Semmering scheitert er daran, der ‚Wiener Gesellschaft‘ im Südbahnhotel die Zeitbegriffe der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik näherzubringen. Jeder der Gäste versteht etwas anderes unter Zeit.

Eines Abends war die gesamte von uns so genannte ‚Wiener Gesellschaft‘ im Grünen Salon versammelt. Einige betätigten sich mit nur halb gespieltem Ernst am Carambol. Andere saßen auf zierlichen Bugholzsesseln an Marmortischchen und sprachen wahlweise Aperol-Spritz aus hochstieligen Weingläsern oder Armagnac aus geschliffenem Kristall zu. Wieder andere weilten zwischen den geöffneten Türflügeln zum Balkon und gaben vor, den Zwanzig-Schilling-Blick zu genießen, während sie je nach persönlicher Vorliebe den Rauch karibischer Zigarillos oder den Dampf elektrischer Nikotin-Vaporisierer ins Panorama bliesen…

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8. Zeit für Luftbäder und Landpartien

16 Wochen, 3 Tage, 17 Stunden, 46 Minuten, 40 Sekunden

Achill trifft auf einen dreibeinigen Hund namens Uhudler und dessen Herrin Madeleine Polheim-de Crécy. Bei gemeinsamen Luftbädern und Landpartien schließen sie einen fatalen Pakt. Sie wollen die Zeit selbst entschleunigen.

Von der Villa Kleinhans aus schlugen wir den Pfad zum Pinkenkogel ein. Uhudler rannte voraus und verschwand im Dickicht. Einen längeren Anstieg legten wir ohne Worte unter gleichmäßigem Ein- und Ausatmen zurück.

„Warum hat er nur drei Beine?“, eröffnete ich das Gespräch.

„Warum haben Sie nur zwei?“

„Ich bin an zwei Beine gewöhnt, an den menschlichen, aufrechten Gang.“

„Er an drei.“

„Es scheint ihm nichts auszumachen.“

„Macht es Ihnen etwas aus, auf zwei Beinen zu gehen?“

„Ja, in der Tat. Manchmal habe ich es satt, dieses labile Gleichgewicht, das ewige Balancieren…
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7. Entschleunigung der Zeit

1 Woche, 4 Tage, 13 Stunden, 46 Minuten, 40 Sekunden

Achill und Madeleine nehmen sich vor, innerhalb der zehn Tage bis Weihnachten ebenso viel zu erleben wie in den vergangenen einhundert Tagen, seit sie einander kennen. Im niederösterreichischen Weinort Perchtoldskirchen unterziehen sie sich einer Trinkkur und verlieren dabei ihr Zeitgefühl.

Während ich mit Anzündeholz und Zeitungspapier im Ofen das Feuer entfachte, hatte Lena die Stube verlassen. Ich hörte aus der Küche das Rauschen eines Wasserkessels, dann ein anschwellendes Pfeifen. Daraufhin brachte sie eine mit Veilchen verzierte Kanne und zwei dazu passende Tassen.
„Tee?“, fragte ich.
„Riech!“, antwortete sie, wobei sie die Kanne am ausgestreckten Arm mit dem dampfenden Ausguss wie einen rauchenden Colt auf meinen Mund richtete.
„Nach Rinde?“
„Richtig, Salicis cortex. Weidenrinde.“
„Der Geruch steigt mir zu Kopf!“
„Das soll er auch. Trink! – Wie fühlst du dich?“
„Leicht. Das Pochen ist fort.“…
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6. Weihtags- und -nachtszeit

1 Tag, 3 Stunden, 46 Minuten, 40 Sekunden

Als Madeleine Achill verlässt, begibt dieser sich auf eine spiralförmige Tour de Force durch Wien. In immer kleineren Umdrehungen mit Stationen in Kaffeehäusern, Kirchen und einem Zen-Dachgarten begreift er seine Beziehung zu den Menschen, seine Liebe zu Madeleine und nähert sich dem paradoxen Wesen der Zeit.

Ich eilte die Stiege des Universitätsgebäudes hinab. Anstatt je zwei Stufen mit einem Schritt zu nehmen, entschied ich mich, jede einzelne Stufe zu betreten und dabei mit den Absätzen meiner lackledernen Schuhe eine Salve Schnellfeuergetrappel in die stille Nacht zu senden. Ich hielt mich rechts zum Rathausplatz, zum Christkindlmarkt. Da waren keine Liebespaare am Bussiplatz unterm Herzerlbaum, und die Herzerl waren dunkel. Das große Herz Jesu, das in christlicher Volkssymbolik als elektromechanische Hauptattraktion stündlich an einer Seilbahn ausfuhr, um die zweihundert Herzerlbaumherzen zu entzünden, pendelte fahl und erloschen an seinen Seilen…

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5. Zeitvertreib zu zweit

2 Stunden, 46 Minuten, 40 Sekunden

Zu Weihnachten kulminieren die Ereignisse. Achill verbringt die Heilige Nacht am Donaukanal unter einem schwarzen Loch. Er findet Madeleine wieder und versucht, den Pakt mit ihr aufzukündigen und das Experiment der Zeitentschleunigung abzubrechen.

„Was tust du denn da?“, fragte Lena, und Uhudler setzte passend dazu eine Fragemiene auf und hielt den Kopf schräg.

„Warte! Es ist genau 8 Uhr 54 Minuten und 49 Sekunden, ich spüre es. Gibt es hier eine Uhr?“

Die Uhr über dem Eingang ging ungefähr richtig, aber das spielte keine Rolle. Ich wollte auf die Uhr sehen, um den Erinnerungseffekt auszulösen, um den gegebenen Moment abzuspeichern. Es waren wahrhaftig Lena und Uhudler und nicht nur ihre Geister.

„Mehlspeisen, viele Mehlspeisen habe ich bestellt“, antwortete ich sinngemäß…

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4. Zeitgeschichte und -geschiebe

16 Minuten, 40 Sekunden

Auf Madeleines Drängen, den Pakt einzuhalten, ergreift Achill die Flucht und gelangt zuletzt auf den Stephansplatz, wo er Zeuge eines abstoßenden Spektakels wird. Die Dopplerianer, eine Gruppe fanatischer Studenten,  sagen den Untergang des Universums voraus.

Der Held war ich, Achill. Ich traf meine Entscheidungen selbst. Ich war weder der Eisenbahnzeit noch einer wie auch immer gearteten nichtlinearen Zeit unterworfen. Soweit bekannt. Neu dagegen war, ich musste ebenso wenig einer blauhaarigen Fee gehorchen, die mir ein absurdes Experiment aufdrängte, im Zuge dessen ich meine Zeit in immer kürzere Intervalle zerhacken und die Schnipsel durch eine Todesspirale mit immer schnelleren Umdrehungen in ein schwarzes Loch versenken sollte. Ein Wahnwitz…

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3. Zeitenwendel

1 Minute, 40 Sekunden

Achill erklimmt über die Wendeltreppe den Südturm des Stephansdoms. Beim Laufen beurteilt er den Zustand seiner Seele im Universum entlang der sieben Posaunen von Jericho, der sieben Lebenstugenden und der sieben Todsünden.

Ob es mir gelänge, bis zwölf Uhr mittags den Südturm zu erklimmen? Die Zeit, die ich damit verbrächte, das abzuschätzen, wäre verlorene Zeit, wäre genau die Zeit, die mir am Ende fehlen, um die ich den Glockenschlag verpassen würde.
Ich durfte nicht Achills Fehler wiederholen und durch zu häufiges Prüfen des Abstands zur Schildkröte das Rennen verlieren. Stattdessen musste ich rennen, um mein Leben rennen. Während ich diese Überlegungen anstellte, rannte ich bereits. Nicht, dass ich nicht nachdenken, abschätzen und Überlegungen anstellen durfte, nur stehenbleiben durfte ich dabei nicht. Darauf war der Achill aus Zenos Paradox nicht gekommen…

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2. Uhudler zur Unzeit

10 Sekunden

Oben in der Glockenstube erblickt Achill einen steinernen Wasserspeier, der ihn an Uhudler erinnert.
…dreiundvierzig. Ich hatte den vorläufigen Höhepunkt, also die alte Glockenstube des Südturms erreicht, hatte alle sieben mal sieben mal sieben gleich dreihundertdreiundvierzig Stufen erklommen. Dort hielt ich inne. Direkt vor meinen bloßen Füßen am Boden war ein Strich, der den Raum in zwei Bereiche unterteilte. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass es in Wahrheit zwei Striche waren, fast deckungsgleich, im spitzen Winkel zueinander, einer war eine Rille, die in die steinernen Fliesen gefräst war, der andere war der Schatten einer Fensterstrebe, der von der einfallenden Sonne auf den Boden geworfen wurde. Da begriff ich, es war die Mittagslinie, die einst die Türmer benutzt hatten, um die mechanische Uhr zu richten, die sich im Südturm befunden hatte…
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1. Endzeit

1 Sekunde

Im letzten Kapitel erreicht Achill (fast) den Grenzwert seiner persönlichen Zeitreihe.

Mit einem Klick regte sich in der Turmuhr das Schlagwerk, der Mechanismus, der den Hammer anhebt, der in genau einer Sekunde auf das Primglöcklein fallen musste. Wenn dann die Welt nicht unterginge, würde der erste von vier Viertelstundenschlägen erklingen, daraufhin drei weitere und in der Folge die zwölf tieferen Schläge der Uhrschälle. Es war 11 Uhr 59 Minuten und 59 Sekunden…

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